ADS und ADHS – Mehr als nur eine Kinderkrankheit

Ob eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung allein oder zusammen mit einer Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert wird, ist zweitrangig. Tatsache ist, dass die Diagnose, die lange Zeit ausschliesslich als Kinderkrankheit galt, weitreichende Probleme im Alltag mit sich bringt – auch bei Erwachsenen. Denn die Einschätzung, dass ADHS sich bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter zurückbildet, gilt als überholt.

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Frau springt in der Luft vor hellem Himmel.

Obwohl nur 5-15% der Betroffenen die Kriterien für eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter noch vollständig erfüllen, treten bei 70% auch weiterhin Symptome und funktionelle Beeinträchtigungen im Erwachsenenalter auf, wenn im Kindesalter ADHS diagnostiziert wurde.  

Die Hauptschwierigkeiten bei ADHS lassen sich in drei Bereiche unterteilen: 

  • Unaufmerksamkeit
  • Hyperaktivität
  • Impulsivität

Betroffenen fällt es schwer, begonnene Tätigkeiten zu Ende zu bringen, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, ruhig sitzen zu bleiben (besonders Klein- und Grundschulkinder), Regeln und Vorschriften zu beachten und Handlungen vorab zu durchdenken. Die Konsequenzen sind Flüchtigkeitsfehler, Ablenkungsbereitschaft, Schwierigkeiten in Grossraumbüros zu arbeiten, unbeständiges Arbeiten und unerklärliche Leistungseinbrüche. Häufig werden Termine und Absprachen nicht eingehalten oder es zeigen sich Vergesslichkeit, eine starke innere Anspannung, ein Gefühl von Getriebensein sowie feinmotorische Unruhezeichen wie mit den Füssen wippen, Fingertrommeln, mit Stiften spielen. Auch ist eine erhöhte Unfallneigung zu beobachten sowie Provokationen und verbale Entgleisungen in Gesprächen. 

Zusätzliche Probleme können sich in emotionaler Labilität, gestörtem Sozialverhalten, Desorganisation, Stressintoleranz und Selbstwertproblematiken zeigen. Im Kindes- und Jugendalter äussert sich dies beispielsweise mit einem chaotischen Kinderzimmer, bei Erwachsenen ist es eher der chaotische Arbeitsbereich und die mangelnde Fähigkeit, sich und die eigene Umwelt zu strukturieren. Verspätungen, Hektik und Unordnung, unkoordiniertes Arbeiten und Vergesslichkeit wechseln sich mit Stimmungsschwankungen im Alltag ab. Erwachsene können nicht gut mit Druck umgehen, da sie es nicht schaffen, die Situation zu strukturieren und zu kontrollieren. Aggressives Verhalten, verbale Grenzüberschreitungen und starker Selbstzweifel sind die leidvollen Folgen. 

Die konventionelle Medizin schlägt bei ADHS Behandlungswege vor, bei der sogenannte Psychostimulanzen verschrieben werden (Ritalin und Atomoxetin). Ausserdem werden Psychotherapie und Verhaltenstherapie angestrebt – bei Kindern werden Eltern und Lehrpersonen mit einbezogen, bei Erwachsenen Partner und Familie. Sport und körperliche Bewegung stehen bei der Verhaltenstherapie an oberster Stelle.   

Bei den Entstehungsursachen von ADHS gehen Forscher davon aus, dass genetische Faktoren einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung haben. Aber auch zusätzliche Einflussfaktoren wie starker Nikotin- oder Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft, Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht, Entwicklungsabweichungen neuronaler Regelkreise und auch Umweltfaktoren werden diskutiert.

Verschiedene Studien zeigen, dass die Traditionelle Chinesische Medizin bei ADHS Unterstützung bieten kann. Gemäss einer Studie führt Elektroakupunktur in Kombination mit einer Verhaltenstherapie zu besseren Ergebnissen als die Verhaltenstherapie allein. Eine weitere Studie zeigt, dass Akupunktur der Scheinakupunktur überlegen ist. Hierfür wurden 59 (grösstenteil männliche) Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren in Kontrollgruppen eingeteilt und jeweils mit Akupunktur oder Scheinakupunktur behandelt. Sie alle hatten eine ADHS-Diagnose und wurden mit einem Psychostimulans mit dem Wirkstoff Methylphenidat behandelt. Die Patienten in der Akupunkturgruppe erhielten über vier Wochen insgesamt 12 Akupunkturbehandlungen, in denen sie über 40 min in Bauch- und Rückenlage behandelt wurden. Es kamen 19 verschiedene Akupunkturpunkte zum Einsatz (BL 18, BL 20, BL 23, NI 3, LE 3, MI 6, LE 4, NI 17, NI 12, Du 20, Du 24, Yin Tang). Die Patienten in der Kontrollgruppe unterliefen dieselbe Prozedur, allerdings mit Scheinakupunktur, bei der die Nadeln absichtlich neben den Akupunkturpunkten platziert wurden. Die abschliessende Untersuchung zeigte, dass die Akupunktur eine signifikante Verringerung der hyperaktiven und impulsiven Symptome bewirken konnte. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgte über eine ADHS-Rating-Skala-IV, die von den Eltern vor und nach der Behandlung ausgewertet wurde. 

Die chinesische Medizin bietet weitreichende Behandlungsmöglichkeiten. Bei ADHS kommen meist Akupunktur, Elektroakupunktur, Kräutertherapie, Moxibustion (Verbrennen von getrocknetem Beifusskraut an Akupunkturpunkten) und manuelle Behandlungsmethoden wie Tuina-Techniken zum Einsatz. Neben dem Ausgleich von Yin und Yang ist es oberstes Ziel, das Qi zu stärken und Qi-Blockaden zu beseitigen. Aus Sicht der TCM sind vor allem die Funktionskreise Herz, Leber, Nieren und Milz bei ADHS betroffen. In einigen Fällen entsteht ADHS durch eine Blockade durch Schleimansammlung in Verbindung mit Hitze. 

Wichtig ist es, bei der Ernährung darauf zu achten, dass sie stärkend auf die Verdauungsorgane wie Magen, Milz und Darm wirkt - sowohl während der Nahrungsaufnahme als auch bei der späteren Nahrungsverwertung. Somit empfiehlt es sich, beim Essen für eine ruhige, freudige und harmonische Atmosphäre zu sorgen. Anstrengende Diskussionen verbunden mit Sorgen und Ärger sollten vermieden werden. Ablenkungen durch Fernseher und andere elektronische Geräte sollten unterbleiben, da sie zu Reizüberflutung führt. Auch Elektrosmog spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Grundsätzlich sind aus ernährungstherapeutischer Sicht rohe, kalte und sehr süsse Nahrungsmittel nicht zu empfehlen. Fruchtsäfte, zu viele Milchprodukte, rohes Gemüse, Südfrüchte und Süssigkeiten mit Zucker und Zuckerersatzstoffe (Aspartam) gehören hierzu. Auch ein Zuviel an Brot und Weizenprodukten sollte vermieden werden. Mikrowellenkost, Tiefkühlprodukte und Junkfood wirken sich negativ auf das Verdauungssystem aus. Sie beinhalten Zusatzstoffe, die generell zu vermeiden sind. Hierzu gehören Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Glutamat und Carageen. Aus Sicht der TCM stellen die Verdauungsorgane unsere Mitte dar, die für Stabilität und Erdung sorgt. Die oberste Priorität besteht in der fernöstlichen Therapie deswegen darin, die Mitte zu stärken und zu wärmen. Verschleimende oder abkühlende Nahrungsmittel (Milchprodukte, Zucker, Rohkost) sollten aus diesem Grund stark eingeschränkt oder vermieden werden. 

Als naturheilkundliche Ansätze ist der Einsatz der Aromatherapie zur Konzentrationsförderung erwähnenswert. Stellen Sie eine oder mehrere Öllampen in verschiedenen Räumen Ihrer Wohnung auf und wählen Sie Ölmischungen aus Lavendel, Orangen und Zitrone. Sie beruhigen den Geist und wirken sich positiv auf Gedanken und Konzentration aus. Der Urtinkturhersteller Ceres listet Ginkgo biloba in seinem Programm, das eine ritalinähnliche Wirkung hat und die Erregbarkeit, Stimmung und Frustrationstoleranz beeinflusst. Auch die naturheilkundlichen Produktehersteller Dr. Vogel und Zeller haben entspannungs- und schlaffördernde Tropfen, Tabletten und Kräutermischungen in ihrem Angebot. Warme Wickelauflagen auf Brust und Herz vor dem Schlafengehen mit Lavendel, Hopfen oder Baldrian haben einen beruhigenden Effekt auf die Nachtruhe und auf das gesamte Nervensystem. Ebenso bieten sich Teemischungen aus Melisse, Baldrian, Orangenblüten und Passionsblume an. 

Denken Sie bei ADHS Symptomen auch an ein eventuelles Mineralstoffdefizit. Wir beraten Sie hierzu gerne in unserer Praxis. 

Quellen

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21056840

Moharreri F et al.: Efficacy of adding acupuncture to methylphenidate in children. EJIM 2018; 22: 62–68